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FRANKENPROJEKT
"Essen&mehr" e.V.


Der Supermarkt für Bedürftige


Ein Beitrag von Ramón Kadel, Ressortjournalismus-Student an der Hochschule Ansbach

Der Landkreis Ansbach ist das Armenhaus in Mittelfranken. Für junge Eltern und Rentner reicht das Geld oftmals nicht einmal für Lebensmittel. Gabi Zieher und Luise Grüner kämpfen mit dem Frankenprojekt Essen und Mehr e.V. gegen den Hunger.

Die zweite Vereinsvorsitzende Luise Grüner steht zwischen Obst- und Gemüsekörben. Im Hintergrund rattert die Brotschneidemaschine. Hektisch dirigiert sie die Mitarbeiter von der Kühltheke in das Lagerhaus. "In einer Viertelstunde geht der Betrieb los, dann muss der Joghurt und die Milch im Regal stehen", weist sie einen ehrenamtlichen Helfer an. "Die Kühlkette darf nicht unterbrochen werden", sagt die 68 Jährige und fügt hinzu: "Wir haben hier alle vier bis sechs Wochen den Lebensmittelkontrolleur im Haus, Hygiene steht an erster Stelle." Das Frankenprojekt besteht bei allen neuen Mitarbeitern auf eine anerkannte Lebensmittelhygienebelehrung. "Unsere Produkte sind alle frisch. Häufig sind sie nur falsch etikettiert", erklärt der ehrenamtliche Helfer Jens Mai. "Nur ein geringer Anteil wie Fleischwaren ist nahe am Verfallsdatum." Im Frankenprojekt gibt es das Sortiment eines gewöhnlichen Supermarkts: Von Brötchen über Orangen und Kohlrabi bis hin zu Eis am Stiel.

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Teilzeitbäcker: Luise Grüner (68) und Jens Mai (45) sortieren Brote für die Bedürftigen.

Der Unterschied zu anderen Tafeln: Die Selbständigkeit

Jeder Erwachsene muss zwei Euro für den Einkauf zahlen. Für Kinder wird die Hälfte berechnet. Ab dem dritten Kind werden die Familien sogar mit 50 Cent Rabatt entlastet. "Wir erhalten keine Unterstützung von der Bundestafel oder den Kirchen, trotzdem können wir überleben", strahlt Gabi Zieher. Die erste Vorsitzende schaut auf eine Vereinshistorie, die bis in den November 2002 reicht. "Seit der Gründung existieren wir parallel zur Caritas und der Diakonie in Ansbach", blickt Zieher zurück und nennt die Unterschiede zu den kirchlichen Organisationen: "Die Diakonie bekommt die Miete von der Bundestafel teilweise bezahlt und erhält den Lieferwagen für die Häfte. Wir müssen alle Kosten selbst tragen." Die Selbstständigkeit wurde in einer Abstimmung bestätigt: "Die Mehrheit der Vereinsmitglieder stimmte gegen die Aufnahme in der Bundestafel und die damit verbundenen Gelder", sagt Zieher. Durch zusätzliche Spenden von Firmen und Privatleuten schreibt das Frankenprojekt trotz weitgehender Unabhängigkeit konstant schwarze Zahlen.

Das Ehrenamt ist die wichtigste Stütze des Frankenprojekts

Gute Organisation ist für einen erfolgreichen Fortbestand des Frankenprojekts entscheidend. "Zurzeit beschäftigen wir 12 Ehrenamtliche und vier Ein-Euro-Jobber", sagt Grüner und grinst: "Jugendliche helfen eher unfreiwillig mit. Die machen ihre Sozialstunden bei uns." Zwei Lieferwägen stehen zur Belieferung von Kranken und Behinderten zur Verfügung. Die Produkte kommen aus Supermärkten der Region. "Die Discounter müssen Lebensmittel laut Gesetz drei Tage vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum aus den Regalen räumen", sagt Mai. "Wir holen die Nahrungsgüter dann bei den Supermärkten ab."

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Der "Abfall" von Supermärkten: Jens Mai zwischen Äpfeln und exotischen Früchten.

Der Landkreis Ansbach: Die ärmste Region Mittelfrankens

In Ansbach nehmen derzeit 150 Personen das Frankenprojekt in Anspruch. Ein Bezugsausweis ist mit einem Einkommen von höchstens 460 Euro im Monat erhältlich. "Das Kindergeld wird nicht zum Einkommen gezählt. Bei Kinder brauchen die Eltern das Geld auch für Kleidung und Schulbücher", sagt Zieher und fügt hinzu: "Wir liegen mit dem Betrag über dem Sozialamtssatz von 364 Euro. Ich denke das ist Gerecht." Im Landkreis Ansbach ist Hilfe bitter nötig. Laut Bundesministerium für Arbeit und Soziales beherbergt die westlichste Region Mittelfrankens 938 Sozialhilfeempfänger. Im gesamten Regierungsbezirk hat nur die Stadt Nürnberg mehr vom Staat abhängige Menschen. Vor allem Rentner und junge Eltern sind die Leidtragenden der schlechten Lebenssituation: "Viele alte Menschen kommen mit ihrer gesetzlichen Mindestrente nicht aus. Aber deswegen gibt es ja uns", schmunzelt die ehrenamtlich im Altersheim beschäftigte Grüner.

Neue Stützpunkte des Frankenprojekts in Bechhofen und Herrieden

Gabi Zieher erwartet durch die Öffnung der Grenzen für osteuropäische Arbeitskräfte keine Entspannung der Situation: "Das bedeutet noch mehr Menschen in Armut." "Entweder akzeptieren einheimische Arbeitskräfte niedrigere polnische Gehälter oder sie werden entlassen", bekräftigt Zieher ihre Haltung zur aktuellen europäischen Reform. Seit wenigen Monaten hält das Frankenprojekt mit neuen Stützpunkten dagegen: "Wir können durch unsere Geschäftsstellen in Herrieden und Bechhofen noch mehr Bedürftige erreichen", strahlt Zieher. Die Zahlen sprechen für sich: In nur drei Wochen sind in Herrieden seit Eröffnung 19 Bezugsausweise ausgegeben worden. Im seit Januar eröffneten StützpunktBechhofen wurden die Menschen schon mit 53 Ausweisen versorgt. Nur die Personaldecke wird aufgrund der positiven Entwicklung immer dünner. "Ich arbeite jeden Tag acht Stunden für das Projekt und trotzdem wird der Stress immer größer", klagt die erste Vorsitzende und bittet: "Wir können jeden Helfer gebrauchen. Helft dem Frankenprojekt!"

Vollständige Quellenangaben:
Interviews:
-Interview mit Luise Grüner am 07.05.2011
-Interview mit Gabi Zieher am 07.05.2011
-Interview mit Jens Mai am 07.05.2011

Literaturangaben:
-www.frankenprojekt.de/uns
-www.ansbach.de
-www.agil-region.de
-Statistisches Bundesamt
-Bundesministerium für Arbeit und Soziales

Bildquellen:
-Ramón Kadel, erstellt am 07.05.2011